M.A.Numminen


Der Jazz offenbart sich dem etwa 14jährigen M.A. Numminen in seinem Heimatort Somero als Stimme Amerikas. Ihr bleibt er jahrelang ein treuer Hörer. Im gleichen zarten Alter beginnt er das Schlagzeug zu betätigen. Die erste eigene Band heißt Viisi Vierasta Miestä (Fünf aus der Fremde). Außer Jazz nimmt er klassische Musik zu sich, später vor allem Zeitgenossen, wie Stockhausen, Ar-nold Schönberg und Edgar Varese - früh bildet sich der elitäre Gaumen. In Somero lebt der Tangokomponist Unto Mononen, bei dem er hin und wieder als Schlagzeuger im Orchester mitmachen darf. Neben Tangos stehen aktuelle Schlager auf dem Programm und was man sonst so tanzt.

1960 begibt er sich nach Helsinki und bezieht die Universität - Nationalökonomie und Staatswissen-schaften im Sinn. Nach dessen Wandel wendet der Jüngling sich der Soziologie, Philosophie und Sprachwissenschaft zu. Auch mit finnisch-ugrischen, Eskimo- und Bantu-Sprachen, Volksdichtung und Astronomie gibt er sich ab. Und doch muß er am Ende von acht Jahren Universität feststellen, daß er nicht - wie vorgesehen - Soziolinguist ist, sondern "ein armer Sänger nur". Eine Untersuchung zum Helsinki-Slang hält die Universität für keinen seriösen Beitrag zur Dialektfor-schung. Die Tonbänder mit den Interviews landen in der Schublade und geraten für Jahrzehnte in Vergessenheit. In den Neunzigern können sie dem Professor Heikki Paunonen zur Verfügung gestellt werden, der ein großes Wörterbuch zum städtischen Slang zusammenstellt. Als Examensarbeit wird eine Studie über den Dialekt der Heimatregion Somerniemi angefertigt.


AUF DER SUCHE NACH KÜNSTEN


Das Multitalent drängt nach gleichzeitigem Ausdruck in verschiedene Kunstrichtungen. Bei einem Wochenendbesuch im Heimatort Somero nimmt er beispielsweise mit den Freunden Tommi Parkko und Pekka Kujanpää die inzwischen legendäre Gebärde für drei Rülpser (Eleitä kolmelle röyhtäilijälle) auf, woraus schon seinerzeit eine Schallplatte entsteht. Das Opus besteht in abwechselnden Rülp-sern der drei Herren, auf Gitarre und Schlagzeug begleitet vom jungen Künstler. Auch belletristische Versuche sind zu verzeichnen: seinen ersten Volltreffer in der Sparte Sprachliches Kunstwerk landet er 1962 mit dem Energiesparer (Energiasäästäjä), einer kleinen durchgängig im Passiv gehaltenen Erzählung, die später ins Schwedische und Deutsche übersetzt wird. Vom Energiesparer gibt es eine persönlich gelesene Einspielung als Teil der CD Kiusankappaleita I (Nervige Stücke I), erschienen 2000. Außerdem schließt er sich - halb zog sie ihn, halb sank er hin - dem Filmklub der TH-Studenten an und dreht Kurzfilme. Zwei Dreiminutenwerke von 1963, Vesilasi / Wasserglas und Tiiliseinä / Ziegelwand, sind aus jener Epoche auf die Nachwelt gekommen.

Im Laufe der Zeit tritt die Musik in den Vordergrund. Gemeinsam mit den Studienfreunden Pekka Gronow und Jyrki Parkkinen gründet er die Orgiastic Nalle Puh Big Band, in der Pekka Pöyry der einzige Profimusiker ist. Eine Sängerkarriere beginnt. Die Band braucht einen Vokalsolisten, und niemand drängt es nach diesem Job, außer M.A. Numminen, der aber nicht unbedingt mit eigener Stimme auftreten will. Er erfindet den parodistisch schrägen Ton, der ihm am Ende so behagt, daß er ihn zum Markenzeichen macht. Der Fanklub Föreningen för M.A. Numminens välbefinnande / Verein für das Wohlergehen von M.A. Numminen, 1981 in Schweden ins Leben gerufen, findet später den Schlachtruf: NUMMINEN, DO IT MORE FALSELY!


DIE ERSTEN KOMPOSITIONEN


Als Numminen studienbedingt auf Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus stößt, kommt ihm die Idee einer Vereinigung von Philosophie und Musik. Damit soll das Programm seiner Studen-tenband um eine Eigenkomposition bereichert werden. The World Is und In Order to Tell von 1966 sind Musiken zu englischsprachigen Texten aus dem Tractatus. The World Is beginnt in 4/4-Takten mit einem Jazz-Thema, dem sich acht 3/4-Takte anschließen, worauf es für vier Takte zum 4/4-Rhythmus zurückkehrt. In Order to Tell hat einen A-Teil in Dur mit einem 8/8-Rhythmus sowie als B-Teil einen Moll-Walzer. Nach Abschluß von vier weiteren Gesängen liegt die Tractatus-Suite vor; der fünfte Satz, The General Form of a Truth-Function, ist ein atonales Lied für Solostimme und Männerchor. Die Suite wird beim Jugend-Kunst-Happening im Herbst 1966 in Turku uraufgeführt. Im gleichen Jahr komponiert er zwei Lieder zu Texten aus einem Buch seines Soziologie-Professors Erik Allardt: Vihaisuushypoteesi / Bosheitshypothese und Anomie. Es folgt die Vertonung einer eigenen philosophischen Betrachtung von 1963, Jos jäsennämme / Wenn wir gliedern.

Der Beginn der eigentlichen öffentlichen Künstlerlaufbahn läßt sich auf 1966 datieren, als die ersten selbstkomponierten und -gesungenen Lieder auf Platte erscheinen. Gemeinsam mit Pekka Gronow gründet er das Plattenlabel Eteenpäin! (Vorwärts! / Forward! / Antaúen! Recording Corporation). Eteenpäin! veröffentlicht neben Numminen noch andere Sänger und Komponisten. Die Musik zu Numminens Gedicht Naiseni kanssa eduskuntatalon puistossa / Mit meiner Braut im Park vom Parlament zum Beispiel wird bei Unto Mononen bestellt, der daraus einen hübschen Tango macht; den gibt es bald auch auf Schwedisch, Englisch, Deutsch und Esperanto.

Schon die ersten Aufnahmen finden Aufmerksamkeit, 1966 wird er eingeladen, beim Festival Jyväskylä-Sommer aufzutreten. Hierfür vertont er verschiedene Texte aus dem Handbuch des Geschlechtslebens. Nuoren aviomiehen on syytä muista / Der junge Ehemann sollte daran denken, eine Gemeinschaftskomposition mit Pekka Gronow, ist ein schöner Blues. Besonders fidel ist jedoch die Schamlippen / Ulkosynnytin-Jenkka. Begleitet wird Numminen in Jyväskylä von der Gruppe Fünf aus der Fremde, und als Solist tritt neben ihm der soeben entdeckte 18jährige Rauli Somerjoki (frühverstorbener Mythos der finnischen Rockmusik) auf. Als die Vorstellung gerade in die Gänge gekommen ist, marschiert die Polizei ein und bricht sie ab, was dem Blätterwald zum Rauschen und Numminen zu einem zweifelhaften Ruf verhilft. (Nachzulesen bei Johan von Bonsdorff: Kun Vanha vallattiin / Die Besetzung des Alten Studentenhauses, Tammi 1986.)

Der ebenfalls aus Somero stammende Sänger Rauli Somero macht mit seiner Stimme großen Ein-druck auf Numminen. Es beginnt eine fruchtbare Zusammenarbeit. Somerjoki nimmt auf Wunsch des Komponisten ein Jahr darauf die Vertonung zu einem Text aus David Humes An Enquiry Concerning Human Understanding auf und ist an der Langspielplatte Taisteluni / Mein Kampf beteiligt. Die erste Langspielplatte erscheint 1967 unter dem Titel M.A. Numminen in memoriam. Außer Numminen sind ein paar andere Sänger und alle möglichen Stilrichtungen von Rock über Jenkka bis Tango vertreten. Ein Jahr später kommen - wieder bei Eteenpäin! - vier von M.A. Numminen auf deutsch gesungene und von Ilpo Saunio kunstvoll begleitete Schubert-Lieder heraus. Mit der Sere-nade tritt er im Fernsehen auf. Die Folge ist eine vorübergehende Blockade der Telefonleitungen des Senders durch empörte Anrufe aufgebrachter Zuschauer. Die Leserspalten der Zeitungen sind voll von Numminen-Schmähungen.


ELEKTRONISCHE MUSIK IN DEN 60er JAHREN


In den sechziger Jahren hat er ein weiteres bemerkenswertes Ensemble namens Elektroquartett (Sähkökvartetti). Im Zentrum steht eine von Erkki Kurenniemi 1968 nach Numminenschen Vorstel-lungen konstruierte Musikanlage, die von vier Musikern an verschiedenen Enden traktiert unerhörte Töne von sich geben kann. Dem Elektroquartett war - ebenfalls ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Kurenniemi - 1964 eine Tonveränderungsmaschine vorausgegangen, mit der Numminen bei den akademischen Kulturwettbewerben / Sektion Einzelsänger / Sondersektion für Marsbewohner (eigens zu diesem Behufe von ihm gegründet) den zweiten Preis gewonnen hatte. Mithilfe der neuen Anlage läßt die Stimme sich noch dramatischer verändern. Frühe Versuche in einer Kunstrichtung, die man später Technomusik nennen wird.

Von den Auftritten des Elektroquartetts ist lediglich eine Aufnahme, Kaukana väijyy ystäviä / In der Ferne lauern Freunde vom 25.11.1968 erhalten. Das ist der Tag, an dem die Studenten das Alte Studentenhaus von Helsinki eroberten.

Im Sommer 1968 kommt es zur legendären Tournee des Elektroquartetts zum Jugendmusikfestival in Bulgarien. Viertausend Zuhörer sind im großen Festsaal versammelt. Kaum haben sich die herz-zerreißenden elektronischen Klänge sowie Numminens Stimme erhoben, taucht ein entsetzter Teil des Festivalpersonalkörpers auf, um die Vorstellung abzubrechen und die Künstler von der Bühne zu scheuchen. Noch heute sieht Numminen darin einen seiner größten Triumphe in der Disziplin des Gegendenstrichbürstens.

Mit der Begegnung mit dem Lyriker Markku Into sowie über diesen mit dem Schriftsteller Jarkko Laine 1966 in Turku beginnt die Undergroundepoche. Underground ist eine Kunstrichtung, die einerseits Ansprüche, andererseits wegen ihrer Unbestimmtheit für Künstler vom Typ Numminen ein weites Spektrum an Ausdrucksmitteln bereitstellt.

Die Gesellschaft vor den Kopf stoßen ist ja sowas von verlockend; Numminen macht sich mit Eifer ans Werk. Aus Autoren provokativer Texte, Komponisten, einer Rockband und Performanzen stellt er die Gruppe Der finnische Winterkrieg 1939-40 zusammen. Es gelingt, drei finnisch- und zwei schwedischsprachige Programme namens Gang in den Underground (finn. Maanalaista menoa, schwed. Underjorden - finns den?) im Radio zu plazieren. Dann verbietet die Finnische Rundfunkan-stalt Yleisradio die Produktion. Der Winterkrieg gibt auch eine Zeitschrift namens Morgenröte heraus und veranstaltet Happenings in verschiedenen Orten. Die Happenings bestehen in Darstellung der gelähmten Gesellschaft, Rezitation von Gedichten und provokativen Texten, Rockmusik und Kurzfil-men, die beispielsweise einen Mann beim Onanieren zeigen. In Oulu fallen bei einer Vorstellung zwei Damen in Ohnmacht, der Polizeipräsident verhängt einen immerwährenden Stadtbann über den Winterkrieg. Das beste am Winterkrieg ist die Musik. Am 2. Januar 1970 werden 16 Songs aus den beiden Vor-jahren zu einer LP vereint. Die Texte stammen zum größten Teil von M.A. Numminen und Jarkko Laine, die Musik von Rauli Somerjoki, M.A. Numminen und Rauli "Pole" Ojanen. Von allen Sängern ist Rauli "Badding" Somerjoki der beste. Die Künstler erscheinen dabei unter Pseudonymen wie 'Schuhfabrik von Orivesi', 'V(erhütungs) Mittel' und 'Schwedenkönig' für Numminen, 'E(mpfängnisverhütungs) Artikel' für Somerjoki sowie 'Lauri Kenttä/Clark Kent' (=Supermans "Zivilname") für Laine. Ojanen nannte sich 'Erik af Venusberg'.

Die Zusammenarbeit mit Somerjoki, der noch viele Sachen von Numminen, auch Kinderlieder, aufnimmt, geht weiter. Als Numminen ab 1970 bei Love Records herauskommt, will man für Rauli "Badding" Somerjoki natürlich auch eigene Platten.


DER NEORUSTIKALE JAZZ WIRD GEBOREN


1970 findet Numminen, er kann nun aus dem Underground wieder auftauchen. Im November 1969 hatte er mit dem Pianisten Jani Uhlenius eine neue Gruppe auf die Beine gestellt, das Neorustikale Jazzorchester. Der Name war ihm zufällig bei einem Fernsehinterview eingefallen. Neorustikalität prägt seinen Stil der 70er Jahre. Gleich nach Erscheinen des ersten Stückes, Kissa vieköön! (Meine Güte!/Jeepers Creepers) wird die Band 1970 zum Jazzfestival nach Pori eingeladen. Im Herbst erscheint die LP Swingin kutzu (Einlahdunk zum Swing). Das Neorustikale Jazzorchester gibt es heute noch. Es wird noch immer geleitet von Jani Uhlenius. Aber anstelle von Aaro Kurkela spielt Pedro Hietanen (Rockmusiker aus der Gruppe Wigwam, und seit 1977 dabei) das Akkordeon. Der Geiger und Altsaxophonist Kalevi Viitamäki hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, an seiner Stelle tritt hin und wieder der Geiger Jari Lappalainen auf. Schließlich wurde der Gitarrist durch den Bassisten Heikki "Häkä" Virtanen ersetzt. Es gibt unzählige Platten von der Gruppe, und sie ist auch auf Jazzfestivals im Ausland aufgetreten.

Numminen kokettiert immer wieder mit der Zweierformation. Da begleitet er sich selbst auf dem Banjo; am Klavier, bzw. Akkordeon waren zuerst Jani Uhlenius, später Seppo Hovi dabei; neuerdings sind es Pedro Hietanen und in letzter Zeit auch Mika Siekkinen.

In den siebziger Jahren hatte er beachtliche Resonanz in Schweden, er gehörte schlicht zur Elite der schwedischen populären Musik. Das kann man nachlesen in den Rock-Nachschlagewerken zu jener Zeit, etwa im Buch von Bengt Eriksson aus dem Jahr 1975: Från Rock-Ragge till Hoolabandoola / Vom Halbstarken-Rock (im Schwedischen als Rock-Ragge bezeichnet)zur Gruppe Hoolabandoola. Seine Platten für Erwachsene oder für Kinder nahm er immer auch auf Schwedisch auf. Zum Markenzeichen wurde sein Song von 1977 Gummiboll, bzw. Kummipallona luokses pompin ain' (Als Gummiball ich zu dir prall). Es gab so viele Auftritte in Schweden, daß er den größten Teil seiner Zeit dort verbrachte, zuletzt in eigenen vier Wänden in Stockholm.


LITERATUR UND PROVOKATION


Anfang der Siebziger bringt er die ersten Bücher Kauneimmat runot (Die schönsten Gedichte) und Lastuja (Späne) heraus, komponiert und textet 1970 - animiert durch die Rundfunkredakteurin Tytti Paavolainen - die ersten Kinderlieder. In der Kulturarbeit für Kinder kann er seiner Phantasie, seinen Einfällen und seinem sinnigen Humor freien Lauf lassen, und so entstehen zahlreiche Lieder, Thea-ter- und Filmmusiken, Märchen, Gedichte und Manuskripte zu Fernsehserien für Kinder. Überdies tritt Numminen in Gestalt des Herrn Huu, einer Schöpfung des Schriftstellers Hannu Mäkelä, und als der von ihm selbst erfundene megagroße Hase in Kinderfilmen auf.

Zu Beginn der achtziger Jahre findet er, er hätte sich nun lange genug in Schweden aufgehalten, und kehrt stante pede nach Finnland zurück. Nachdem er den jungen Doktor der Philosophie Esa Saari-nen kennengelernt und die beiden Herren aneinander Gefallen gefunden haben, halten sie es für an der Zeit, den Gesellschaftskessel mal wieder umzurühren. 1981 veröffentlichen sie das Gemein-schaftswerk Terässinfonia / Stahlsinfonie. Der "Punk-Doktor" Saarinen, der damals in Amerika lebt, schreibt über verschiedene Ereignisse und Erscheinungen in den Vereinigten Staaten, und Numminen behandelt auf seine Art den Gang der Welt insbesondere in Finnland, Skandinavien und Estland (über seine besondere Beziehung zu Estland und dessen kulturellem Leben gibt es aus seiner Feder den Beitrag Suomi ja Viro yhdessä ja erikseen / Finnland und Estland - Gemeinsames und Besonderes - Band 44 der Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Turku, 1998). Zur gleichen Zeit lernt er den Dramatiker Juha Siltanen kennen. Seit 1984 sendet Radio Suomi mehrmals jährlich in unregelmäßigen Abständen die Gemeinschaftsproduktion Yömyöhä / Je später der Abend. Numminen und Siltanen spielen Schallplattenraritäten, die Hauptsache aber ist der Dialog, der - ohne Manuskript geführt - den beiden Sprachpuristen und Sprachakrobaten zu seltsamen und komischen Kunststücken gerät.

Die Vielfalt von M.A. Numminens musikalischer Produktion ist verblüffend. Für das Sängerfestival in Joensuu schrieb er 1982 die Kanteletar / Kantele-Spielerinnen-Suite für Männerchor und Streicher im klassischen Stil. Die Orchestrierung ist von Henrik Otto Donner. Ganz spezielle musikalische Werke sind zwei aus Schweden bestellte Arbeiten. Für das Dialogseminar, eine internationale Philosophen-konferenz in Stockholm 1993, komponierte er die Kurzoper Rameaus brorson (Rameaus Neffe) zu einem Libretto des Autors und Dramaturgen Leif Janzon nach dem gleichnamigen Buch des Philosophen Diderot. Das Arrangement zu dieser 30 Minuten-Oper stammt erneut von Henrik Otto Donner. Ein Jahr darauf entstand im Auftrag des Stockholmer Vasa-Museums die Musik zur Abschiedsrede des Königs Gustaf II Adolf an die Stände: Gustaf II Adolfs afskedstal - ein Werk für Männerchor, arrangiert von Mika Siekkinen.

KNEIPEN UND PHILOSOPHIE


1986 erscheint Baarien mies / Der Dünnbierkneipenmann, ein Buch, das auf Numminens soziologi-sches Interesse zurückgeht. Die Dünnbierkneipen sind ein faszinierender Bestandteil der finnischen Alkoholkultur, und nachdem Numminen auf seinen Tourneen praktisch ganz Finnland - und dabei dessen beste Kneipen und Restaurants - kennengelernt hatte, galt es diese volkstümlichen, dem gro-ßen Teil des Volkes jedoch unbekannten Trinkstätten in einem Buch zu verewigen. Ein Unterfangen, das sich als ziemlich ehrgeizig herausstellte, da es mit länglichen Aufenthalten in 185 Gemeinden und 350 verschiedenen Dünnbierkneipen verbunden war.

Das Thema sollte durch ein kleines cineastisches Kunstwerk vervollständigt werden. Zu diesem Zweck lädt er den Freund Markku Into zu einer Bierrundfahrt durch Turku ein, die vom Regisseur Matti Hartikainen nebst Drehteam festgehalten wird. Der 1992 entstandene Film zeigt, wie die beiden Herren Bier trinken, sich unterhalten, und was sonst an den einzelnen Stationen so vorfällt. Seit dem Konkurs von Love Records 1979 hat M.A. Numminen sich keiner bestimmten Plattenfirma mehr verschrieben. Die finanziellen Ressourcen seines Labels Eteenpäin! bestehen praktisch in den begrenzten eigenen Geldmitteln, und dennoch kann 1989 ein beachtliches Kulturereignis zuwege gebracht werden: eine Neuaufnahme der Tractatus-Suite anläßlich des hundertsten Geburtstages von Ludwig Wittgenstein. Der letzte Gesang, Wovon man nicht sprechen kann, ein flotter Marsch, blieb allerdings unverändert. Numminen wollte ihn in der Originalaufnahme, die 1967 mit der studentischen Blaskapelle SOHO (Sata-Hämäläisen Osakunnan Orkesteri = Orchester der studentischen Landsmannschaft Sata-Häme) Torwet(torvi = Horn) zusammen im Restaurant des Studentenhauses von Turku entstanden war. Der englische Wittgenstein-Verlag Routledge nahm The Tractatus-Suite 1990 auch in seinen Katalog auf und schrieb dort unter anderem: "...While majoring in sociolinguistics, Mr. Numminen in his student days also delved into philosophy under the tutorship of Prof. Eric Stenius, an authority on Wittgenstein..."

Zu The General Form of a Truth-Function entstand ein mit eigenen Mitteln finanziertes, also sehr klein-budgetiertes Musik-Video, das inzwischen auf unzähligen finnischen und deutschen Kurzfilmfe-stivals gezeigt wurde.

Hietanen und Numminen haben die Tractatus-Suite so bearbeitet, daß man sie zu zweit aufführen kann. Der fünfte Satz findet in Form des Musik-Videos statt. Das Programm ist verschiedentlich in Mitteleuropa gezeigt worden, unter anderem bei den Wiener Festwochen.

Seit Beginn der Neunziger macht der Filmregisseur Claes Olsson Kurzfilme zu Numminens Musik-produktionen. Mittlerweile sind entstanden: M.A. Numminen Sings Wittgenstein (Wovon man nicht sprechen kann) 1993, M.A. Numminen Goes Tech-No (Yes Sir, ich kann Boogie) 1995, M.A. Nummi-nen Meets Schubert (Ständchen) 1997 und M.A. Numminen Turns Rabbit (The Universal Declaration of the Rights of Rabbits) 2000. Der Dokumentarfilm über den Tangokomponisten Unto Mononen von 1999 ist ein Gemeinschaftswerk von Numminen und Claes Olsson.


TANGO & OPER & KULTURROMAN


1997 entsteht das Nordische Tango-Oratorium (Pohjoinen Tango-oratorio) als Auftragsarbeit für das Festival Helsinki Festwochen; ein Werk für zwei Opernsänger, zwei Tangosänger, Chor und großes Orchester. Auch das Libretto stammt vom Meister selbst. Die Orchestrierung ist größtenteils von Henrik Otto Donner. Erneut trachtet der Komponist danach, unterschiedliche Stilelemente - von Tango- bis zu Opernklängen - in einem Werke zu verschmelzen; wobei an dieser Stelle angemerkt werden soll, daß Numminen schon in den sechziger Jahren als Tangokomponist hervorgetreten ist, beispielsweise mit dem Seegerichtstango (Vesioikeustango), dem Häßlichen Liebhaber (Ruma rakas-taja) und dem Lied aus einer finnischen Landgemeinde (Laulu suomalaisesta maalaiskunnasta). Auch die Musik zu Eila Kaaresalos Kurzfim Schießstand / Ampumarata ist ein Sechsminutentango.

Dem Tangothema bleibt Numminen weiter treu. 1998 entsteht der Roman Tango on intohimoni / Tango ist meine Leidenschaft, ein Buch, das auf reizvolle Weise zwei Absichten zugleich verfolgt: einerseits ist es die Erzählung von einem wahrhaften Tangofreak namens Virtanen, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, sich solide Kenntnisse vom Tango anzueignen, Tangomusik zu sam-meln, Tango zu tanzen und bis zum 36. Geburtstag unberührt zu bleiben. Dabei kommt ihm die Liebe in die Quere. Außerdem ist es eine gedrängte Darstellung der Geschichte des finnischen Tango. Das Buch liegt in schwedischer und deutscher Übersetzung vor.

1999 erscheint das zu einem gewissen Grade autobiographische Werk Helsinkiin - Opiskelija Juho Niityn sivistyshankeet 1960-64 / Nach Helsinki - des Studenten Juho Niitty Unternehmen Bildung 1960-64, teilweise gewidmet dem kulturellen Umbruch, dem Generationswechsel in der Kunst am Anfang der sechziger Jahre. Dem Paradigmenwechsel jener Jahre ist im Vergleich zu dem Interesse, welches den politischen, insbesondere späten sechziger Jahren in Finnland widerfuhr, bisher eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Und doch gab es in Finnland bereits vor der Politisierung der Kunst einen faszinierenden gesellschaftlichen und kulturellen Gärungsprozeß. In diesem Kontext beschreibt das Buch einen jungen Studenten, der sich in Wissenschaft und Kunst stürzend lernt, was es mit "Wein, Weib und Gesang" auf sich hat.

In letzter Zeit ist Numminen mit Gedichten in finnischer und deutscher Sprache hervorgetreten. Unter anderem bedient er sich der stilistisch anspruchsvollen Gestaltungsform des Hexameters. Diese Ge-dichte hat er der Öffentlichkeit bei Lesungen in finnischen Städten sowie beim internationalen Lyriker-treffen Spoken Word Festival in Stockholm im Jahr 2000 vorgestellt. Im laufenden Jahr wird er mit seinen Gedichten auf dem Down by the Laituri (an der Kaimauer)-Festival am 7. Juni in Turku sowie im Stadttheater von Espoo am 13. und 14. September auftreten. Der Gitarrist Antero Jakoila wird ihn stereophon begleiten.

Das zur Zeit entstehende musikalische Opus Aenigma Aeternum (ewiges Rätsel) ist die Rückkehr zum Lieblingsthema, der Vereinigung von Musik und Philosophie. Es handelt sich bei Aenigma Aeternum um ein etwa zweistündiges Werk in der Art eines Oratoriums für sechs Solisten, Chor und großes Orchester, zu dem auch das Libretto von Numminen stammt. Thema ist die Veränderung der Welt- und Gottesvorstellung des Menschen während der vergangenen tausend Jahre aus der Sicht von zwölf verschiedenen Philosophen. Auch gibt es ein paar Frauenrollen, etwa für die schwedische Königin Christine.